Wer kennt das nicht: Man sitzt in einer Besprechung, nickt gelegentlich, aber die Gedanken sind längst woanders. Man plant gedanklich den nächsten Urlaub, stellt sich vor, wie das Leben in fünf Jahren aussehen könnte, oder verliert sich in einer Szene aus dem letzten Roman. Für Edward Bach war genau dieses Muster der Ausgangspunkt für seine Bach-Blüte Nummer neun: Clematis vitalba, auf Deutsch Gewöhnliche Waldrebe.
Was Clematis als Bach-Blüte kennzeichnet
Bach entwickelte sein System in den 1930er Jahren in England. Er beschrieb den sogenannten Clematis-Typ als Menschen, die wenig Interesse an ihrer unmittelbaren Umgebung zeigen, häufig schläfrig oder geistesabwesend wirken und sich lieber in innere Bilderwelten zurückziehen. Tagträume ersetzen dabei nicht selten die konkrete Auseinandersetzung mit dem Alltag. Das klingt zunächst nach harmlosen Gedankenspielen, aber Bach beobachtete, dass dieser Zustand die Handlungsfähigkeit spürbar einschränken kann. Wer ständig in der Zukunft lebt, lebt selten im Jetzt.
Die Clematis-Pflanze selbst ist eine interessante Wahl für dieses Prinzip. Die Waldrebe wächst rankend und suchend, zieht sich an Zäunen und Sträuchern hoch, findet selten aus sich heraus festen Halt. Auf Wikipedia findet sich eine detaillierte botanische Beschreibung der Art, die in weiten Teilen Europas verbreitet ist. Ihre weichen, weißlichen Blüten wirken fast unwirklich, fast schwebend. Bach nutzte diese Bildsprache bewusst.
Typische Situationen, in denen Clematis genannt wird
In der Bachblüten-Praxis wird Clematis vor allem in zwei Situationen besprochen. Erstens bei Menschen, die grundsätzlich schwer präsent sind: Sie vergessen Termine, reagieren verzögert auf Ansprache, wirken wie hinter einer Glasscheibe. Zweitens in akuten Phasen von Orientierungslosigkeit oder Erschöpfung, in denen der Geist regelrecht auf Abstand zum Körper geht. Manche Anwender beschreiben das als das Gefühl, neben sich zu stehen.
Clematis ist außerdem ein Bestandteil der bekanntesten Bach-Kombination überhaupt, dem sogenannten Rescue Remedy. Es enthält fünf Blüten, und Clematis ist eine davon, weil Bach der Meinung war, dass akuter Schock oder Stress häufig mit einem Zustand von Bewusstseinsferne einhergeht.
Was die Wissenschaft dazu sagt
An dieser Stelle ist Ehrlichkeit wichtig. Bachblüten-Präparate sind Arzneimittel mit besonderem Therapierichtungsstatus in Deutschland, unterliegen aber keiner Zulassungspflicht für klinische Wirksamkeit. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte registriert sie als traditionelle Arzneimittel, was bedeutet: Es gibt keine ausreichenden klinischen Studien, die eine spezifische Wirkung belegen. Kontrollierte Studien, darunter eine häufig zitierte Cochrane-Analyse aus dem Jahr 2009, fanden keinen Unterschied zwischen Bachblüten-Präparaten und Placebo.
Das macht Clematis nicht automatisch wertlos für alle, die sie anwenden. Es bedeutet aber, dass die Wirkung nicht pharmakologisch erklärt werden kann. Viele Anwender berichten über subjektive Veränderungen, die sie der Blüte zuschreiben. Ob das an der Blüte liegt, an der Beschäftigung mit der eigenen Gemütslage, an Ritualen oder an anderen Faktoren, lässt sich ohne methodisch saubere Studien nicht trennen. Einen guten Überblick über das, was zum Thema Wirkung von Bachblüten dokumentiert ist, bietet eine zusammenfassende Aufbereitung, die Anwendungshinweise und Forschungsstand nebeneinanderstellt.
Anwendung in der Praxis
Wer Clematis ausprobieren möchte, findet die Blüte in verschiedenen Darreichungsformen: als Stockbottle in Tropfenform, als Globuli oder in Kombination mit anderen Blüten. Die klassische Einnahme erfolgt mit zwei bis vier Tropfen, die in ein Glas Wasser gegeben und über den Tag verteilt getrunken werden. Die empfohlene Mindestdauer liegt meist bei drei bis vier Wochen, da kurzfristige Einnahmen kaum aussagekräftig sind.
Einige Therapeuten, die mit Bachblüten arbeiten, empfehlen begleitend konkrete Erdungsübungen: kurze Spaziergänge ohne Kopfhörer, bewusstes Wahrnehmen von Körperempfindungen, das bewusste Benennen von drei Dingen im unmittelbaren Umfeld. Diese Techniken stammen aus der Verhaltenstherapie und können unabhängig von Bachblüten hilfreich sein, wenn jemand lernen möchte, präsenter zu werden.
Clematis im Vergleich zu anderen Blüten
Bachblüten-Anwender verwechseln Clematis gelegentlich mit zwei anderen Blüten:
- Wild Rose: Hier fehlt nicht die Erdung, sondern der Antrieb. Wild-Rose-Menschen haben resigniert, Clematis-Menschen träumen noch aktiv.
- Honeysuckle: Diese Blüte wird eingesetzt, wenn jemand gedanklich in der Vergangenheit lebt, in Erinnerungen versinkt. Clematis richtet sich auf eine idealisierte Zukunft, nicht auf die Vergangenheit.
- White Chestnut: Hier kreisen Gedanken zwanghaft, sind aufdringlich und erschöpfend. Das unterscheidet sich vom eher angenehmen, selbst gewählten Tagtraum des Clematis-Zustands.
Diese Unterscheidungen sind im Bachblüten-System zentral, weil die Auswahl nicht nach Symptomen, sondern nach der zugrunde liegenden Gemütslage erfolgen soll.
Wann ein Arzt hinzugezogen werden sollte
Dauerhafte Geistesabwesenheit, chronische Schläfrigkeit oder das anhaltende Gefühl, neben sich zu stehen, können auch organische Ursachen haben. Schlafapnoe, Schilddrüsenunterfunktion, depressive Episoden oder neurologische Erkrankungen können ähnliche Zustände auslösen. Bachblüten ersetzen in keinem dieser Fälle eine medizinische Abklärung. Das betonen seriöse Anwender ausdrücklich. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für komplementärmedizinische Verfahren grundsätzlich eine klare Abgrenzung zu notwendiger schulmedizinischer Diagnostik.
Clematis kann als begleitende Maßnahme eingesetzt werden, sobald schwerwiegende Ursachen ausgeschlossen sind. Als Ersatz für eine Diagnose eignet es sich nicht.
Fazit: Eine Blüte für den Rückweg in den Alltag
Clematis ist eine der nachdenklichsten Blüten im Bach-System. Die Idee dahinter ist schlicht: Wer zu viel in inneren Welten lebt, kommt im äußeren Leben nicht vorwärts. Ob die Blüte selbst diesen Zustand verändert oder ob die Beschäftigung mit der eigenen Neigung zur Tagträumerei schon ein erster Schritt ist, bleibt offen. Für viele Anwender liegt der Wert möglicherweise genau darin, überhaupt einmal innezuhalten und zu fragen: Bin ich eigentlich da, wo ich gerade sein sollte?