Wer nach der Wirkung von Clematis als Bachblüte sucht, verdient eine klare Antwort gleich zu Beginn: Nach dem System von Edward Bach soll diese Blüte, die Nummer neun im Repertorium, Menschen zurück in die Gegenwart holen, die sich häufig in Tagträume, Zukunftsbilder und innere Fantasiewelten zurückziehen. Sie richtet sich an den Zustand der geistigen Abwesenheit, der Schläfrigkeit und der fehlenden Präsenz. Eine pharmakologisch messbare Wirkung ist dabei nicht belegt – dazu weiter unten mehr.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen der beabsichtigten seelischen Wirkung und dem wissenschaftlichen Nachweis. Bach ordnete Clematis der Gruppe „Mangelndes Interesse an der Gegenwart“ zu und beschrieb als Ziel einen wacheren, geerdeten Menschen, der seine Fantasie nutzt, statt in ihr zu verschwinden. Kontrollierte Studien konnten diesen Effekt nicht von einem Placebo unterscheiden. Wer Clematis anwendet, arbeitet also mit einem Konzept aus den 1930er Jahren, nicht mit einem klinisch geprüften Wirkstoff.
Was Clematis als Bach-Blüte kennzeichnet
Bach entwickelte sein System zwischen 1928 und 1936 in England und beschrieb den sogenannten Clematis-Typ als Menschen, die wenig Interesse an ihrer unmittelbaren Umgebung zeigen, häufig schläfrig oder geistesabwesend wirken und sich lieber in innere Bilderwelten zurückziehen. Tagträume ersetzen dabei nicht selten die konkrete Auseinandersetzung mit dem Alltag. Das klingt zunächst nach harmlosen Gedankenspielen, aber Bach beobachtete, dass dieser Zustand die Handlungsfähigkeit spürbar einschränken kann. Wer ständig in der Zukunft lebt, lebt selten im Jetzt.
Die Clematis-Pflanze selbst ist eine interessante Wahl für dieses Prinzip. Die Waldrebe wächst rankend und suchend, zieht sich an Zäunen und Sträuchern hoch, findet selten aus sich heraus festen Halt. Auf Wikipedia findet sich eine detaillierte botanische Beschreibung der Art, die in weiten Teilen Europas verbreitet ist und im Sommer weiße, duftende Blüten trägt. Diese wirken fast schwebend – eine Bildsprache, die Bach bewusst nutzte.
Welche Wirkung Clematis nach Bach haben soll
Konkret nennt die Bachblüten-Lehre drei angestrebte Veränderungen. Erstens: mehr Präsenz im Hier und Jetzt, statt gedanklich abzuschweifen. Zweitens: die Fähigkeit, Fantasie und Vorstellungskraft produktiv zu nutzen – etwa im kreativen oder beruflichen Bereich – statt sich in ihr zu verlieren. Drittens: eine bessere Erdung in akuten Phasen von Erschöpfung oder Orientierungslosigkeit, in denen der Geist regelrecht auf Abstand zum Körper geht. Manche Anwender beschreiben diesen Ausgangszustand als das Gefühl, neben sich zu stehen.
Clematis ist außerdem eine der fünf Blüten in der bekanntesten Bach-Kombination überhaupt, dem sogenannten Rescue Remedy (in Deutschland als „Notfalltropfen“ verkauft). Neben Clematis enthält diese Mischung Star of Bethlehem, Rock Rose, Impatiens und Cherry Plum. Bach nahm Clematis auf, weil er akuten Schock häufig mit einem Zustand von Bewusstseinsferne verband.
Was die Wissenschaft zur Wirkung sagt
An dieser Stelle ist Ehrlichkeit wichtig. Bachblüten-Präparate sind in Deutschland als traditionelle Arzneimittel registriert, unterliegen aber keiner Zulassungspflicht für den Nachweis klinischer Wirksamkeit. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte führt sie ohne belegten Wirksamkeitsnachweis. Eine oft zitierte systematische Cochrane-nahe Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2009 (Ernst, veröffentlicht in „Swiss Medical Weekly“) wertete mehrere kontrollierte Studien aus und fand keinen Unterschied zwischen Bachblüten und Placebo.
Das macht Clematis nicht automatisch wertlos für alle, die sie anwenden. Es bedeutet aber, dass die Wirkung nicht pharmakologisch erklärt werden kann. Viele Anwender berichten über subjektive Veränderungen. Ob das an der Blüte liegt, an der Beschäftigung mit der eigenen Gemütslage oder an Ritualen, lässt sich ohne saubere Studien nicht trennen. Einen Überblick über das, was zur Wirkung von Bachblüten dokumentiert ist, bietet eine Aufbereitung, die Anwendungshinweise und Forschungsstand nebeneinanderstellt.
Anwendung in der Praxis
Clematis gibt es als Stockbottle (Tropfen, meist 20 ml, Preisspanne etwa 8 bis 14 Euro) oder als Globuli. Bei der klassischen Einnahme gibt man 2 Tropfen der Stockbottle in ein Glas Wasser und trinkt es über den Tag verteilt in kleinen Schlucken – oder nimmt 4-mal täglich 4 Tropfen direkt. Als aussagekräftige Anwendungsdauer gelten meist 3 bis 4 Wochen. Zu beachten: Stockbottles werden in Weinbrand konserviert (Alkoholgehalt rund 27 Prozent), was für Kinder, Schwangere und trockene Alkoholiker relevant ist.
Einige Therapeuten empfehlen begleitend konkrete Erdungsübungen: kurze Spaziergänge ohne Kopfhörer, bewusstes Wahrnehmen von Körperempfindungen, das Benennen von drei Dingen im unmittelbaren Umfeld. Diese Techniken stammen aus der Verhaltenstherapie und können unabhängig von Bachblüten hilfreich sein, wenn jemand präsenter werden möchte.
Clematis im Vergleich zu anderen Blüten
- Wild Rose: Hier fehlt nicht die Erdung, sondern der Antrieb. Wild-Rose-Menschen haben resigniert, Clematis-Menschen träumen noch aktiv.
- Honeysuckle: wird eingesetzt, wenn jemand gedanklich in der Vergangenheit lebt. Clematis richtet sich auf eine idealisierte Zukunft.
- White Chestnut: Hier kreisen Gedanken zwanghaft und erschöpfend. Das unterscheidet sich vom angenehmen, selbst gewählten Tagtraum des Clematis-Zustands.
Wann ein Arzt hinzugezogen werden sollte
Dauerhafte Geistesabwesenheit, chronische Schläfrigkeit oder das anhaltende Gefühl, neben sich zu stehen, können organische Ursachen haben: Schlafapnoe, Schilddrüsenunterfunktion, Eisenmangel, depressive Episoden oder neurologische Erkrankungen. Bachblüten ersetzen in keinem dieser Fälle eine medizinische Abklärung. Clematis kann höchstens als begleitende Maßnahme dienen, sobald schwerwiegende Ursachen ausgeschlossen sind – als Ersatz für eine Diagnose eignet es sich nicht.
Fazit: Eine Blüte für den Rückweg in den Alltag
Clematis ist eine der nachdenklichsten Blüten im Bach-System. Die Idee dahinter ist schlicht: Wer zu viel in inneren Welten lebt, kommt im äußeren Leben nicht vorwärts. Ob die Blüte selbst diesen Zustand verändert oder ob die Beschäftigung mit der eigenen Neigung zur Tagträumerei schon ein erster Schritt ist, bleibt offen – ein klinischer Wirknachweis fehlt. Für viele Anwender liegt der Wert möglicherweise genau darin, einmal innezuhalten und zu fragen: Bin ich eigentlich da, wo ich gerade sein sollte?